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Friss die Hälfte für doppelten Frust

The word „thermodynamics“ is thrown around a lot in nutrition, mostly by people who have no idea what it’s about. You don’t need thermodynamics to do nutritions, but if you’re going to bring thermodynamics into it, you’ve got to do it right .
Die Prinzipien der Thermodynamik werden in der Ernährung gerne zitiert, meist von Menschen die keine Ahnung davon haben. Man braucht keine Thermodynamik um Ernährungswissenschaft zu betreiben, aber wenn man die Thermodynamik reinzieht, dann muss man es schon richtig machen.
(Richard D. Feinman, *1940)

Die zweite Hälfte dieses Eintrags ist schamlos kopiert inspiriert von Hyperlipid. Ein Chapeau! an Peter, sein Blog ist extrem lesenswert (wenn auch etwas technisch, die Zielgruppe sind eher Fachleute). Aber ich schreibe für die deutschsprachige Community und das Thema passt prima zu einigen Diskussionen die ich kürzlich führte, also greife ich es auf.

Worum geht es? Friss die Hälfte funktioniert nicht. Zumindest für rund zwei Drittel von uns, die wir insulinresistent sind und bestenfalls ein paar Kilo abnehmen bevor sich das Gewicht wieder stabilisiert. Und um das klarzustellen: Hier geht es ausschließlich um langfristigen Gewichtsverlust durch Fett. Einige Kilogramm Fett hier und da verlieren kann fast jeder, aber die genannten zwei Drittel gleichen kurzfristige Gewichtsverluste langfristig immer wieder aus. Nach ein bis zwei Jahren ist der Speck wieder da.

Nun ist die Welt der Ernährung leider nicht einfach. Das Weglassen von Junkfood (bei manchen von uns schon friss die Hälfte) kann durchaus einen moderaten, langfristigen Gewichtsverlust bringen, da die Kombination von schnell verfügbaren Kohlenhydraten mit pflanzlichem Fett (Chips oder Schokoriegel) zu einer Überlastung von Leber und Mitochondrien führt, was kurzfristig mehr Hüftgold und langfristig mehr Insulinresistenz bedeutet. Aber viele übergewichtige Menschen essen schon vergleichsweise gesund (mehr als man denkt!) und vermeiden diese Dickmacher weitgehend.

Die Dynamik des Abnehmens

Wenn uns jemand erklärt dass sie/er 15 Kilogramm mit Friss die Hälfte abgenommen hat, dann gehört er wohl zu dem letzten, insulinsensitiven Drittel. Der Rest von uns fühlt sich schuldig (darin sind wir Menschen gut), haben wir doch zu oft „gesündigt“ oder waren nicht willensstark genug. Das Problem liegt aber weder bei den biblischen Todsünden Völlerei und Faulheit, sondern in unseren Hormonen. Und je stärker wir insulinresistent sind, desto mehr kommt der Hormonhaushalt aus dem Tritt:

  1. Die Basis der FDH-Diät bildet eine Lüge unzulässige Vereinfachung. Das gern zitierte erste Gesetz der Thermodynamik sagt „Energie zugeführt = Energie verbraucht + Energie gespeichert“, und daran ist nicht zu rütteln. Der Kardinalfehler der FDH-Verfechter ist allerdings, dass sie beide Seiten der Gleichung für unabhängig halten, was grundfalsch ist.
    Eine Energiedifferenz wird nur zu einem kleinen Teil mit den Fettspeichern „verrechnet“. Zusätzliche Kalorien führen zu einem höheren Verbrauch, erhöhte Wärmeproduktion oder mehr Aktivität. (Dies erfolgt mit etwas Verzögerung, natürlich wird man nach einer mächtigen Mahlzeit erst einmal müde und verdaut. Der Energiegewinn macht sich einige Stunden oder sogar Tage später bemerkbar.) Wer weniger isst, dem wird schneller kalt und müde, der Aktivitätslevel sinkt. Der Verbrauch reduziert sich ganz unbewusst.

    Auch eine gezielte Beeinflussung funktioniert eher schlecht als recht. Mit dem überall als Wahrheit postuliertem „mehr Sport“ lässt sich deshalb nicht merklich abnehmen, zumindest wenn man keine Kalorien zählt und nicht tägliches mehrstündiges Training betreibt. Studien belegen, dass wir selbst bei regelmäßigem Sport nicht einmal ein Kilo pro Jahr abnehmen.

    Zudem muss man in obiger Gleichung die Verluste betrachten. (Dies ist übrigens das zweite Gesetz der Thermodynamik.) Wir verbrauchen einen Teil der Energie zum Verdauen, bei Protein kommt nur 75% der Energie an. (Eine Kalorie ist zwar immer eine Kalorie, aber eine Kalorie Protein liefert weniger Energie als eine Kalorie Fett oder Zucker.) Zudem scheiden wir Energie z.B. in Form von Ketonen über die Atemluft und den Urin aus. Dies erklärt ein Paradox der ketogenen Ernährung: Wir essen oft mehr Kalorien als früher und nehmen trotzdem ab.

  2. Wenn unsere Hormone durcheinander kommen und wir die Kalorienzufuhr reduzieren, dann ist jede kleine Dosis Zucker wie eine Spritze eines magischen Hunger-Erzeugers. Wir bekommen Heißhunger und können die Diät nicht einhalten. Und das ist des Pudels Kern: Hunger gehört zu den wichtigsten Signalen unseres Körpers, die Evolution hat uns so verdrahtet dass es sehr schwierig ist Hunger zu ignorieren. Deshalb scheitern fast alle Diäten die auf Hungertoleranz setzen. Dauerhaft hungern können vielleicht Models, bei denen (ungesund geringes) Gewicht eine Existenzgrundlage ist. Wir Normalsterbliche schaffen das nicht.

    Natürlich kann man mit Hungern abnehmen. Wer nichts isst der nimmt ab, unzweifelhaft. Aber wir wollen nicht 6 Monate lang fasten bis wir am Zielgewicht sind (das ist weder praktikabel noch gesund). Die Verträglichkeit ist die wichtigste Eigenschaft einer Diät. Ich selber habe oft „friss die Hälfte“ versucht und auch immer einige Wochen durchgehalten, aber dann kam der Heißhunger, und das war es dann mit der Diät.

    Fast alle Übergewichtige sind fest davon überzeugt dass Abnehmen nur eine Frage von Disziplin und Willensstärke ist. Das ist falsch, und das werden alle Menschen bestätigen die aus Gewichtsgründen auf ketogene Ernährung gewechselt sind: Ich kann mich mit köstlichem Essen satt essen und nehme trotzdem ab. Einzige Bedingung ist dass wir nur essen wenn wir hungrig sind. Etwas Willensstärke brauchen wir allerdings doch, da Zucker süchtig macht und wir in den ersten Monaten nach der Umstellung durch eine Entzugsphase gehen. Aber das gibt sich schnell.

  3. Nach zwei kurzfristigen Auswirkungen kommen wir zu dem alles entscheidenden, langfristigen Effekt: Unser Körper reduziert mit der Zeit den Grundumsatz wenn wir weniger essen, genauso wie er den Grundumsatz erhöht wenn wir mehr essen. (Der Grundumsatz ist für das Verbrennen der meisten Kalorien zuständig. Er liegt meist bei ca. 2000 kcal am Tag. Eine Reduktion um 20% können wir nur durch eine Stunde intensiven Sport wettmachen.)
    Der JoJo-Effekt kommt nicht zustande weil wir uns nach einer Diät gehen lassen und extra viel essen, sondern weil der Grundumsatz gefallen ist. Diesen senkt der Körper schnell und nachhaltig. In der „Biggest-Loser-Studie“ wurden Teilnehmer, die im Schnitt fast 60kg in kurzer Zeit abgehungert hatten, nach 6 Jahren wieder untersucht. Mehr als zwei Drittel des verlorenen Specks war wieder auf den Rippen, aber der Grundumsatz lag 500kcal unter den Werten vor Beginn der Studie (nach Korrektur für die verlorenen Fettpolster). Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Sogar 6 Jahre nach dem Fasten ist der Grundumsatz noch um ca. 20% niedriger. Oder anders herum: Wer nach einer kurzen Phase mit starker Kalorienreduktion so viel isst wie vor der Diät, der nimmt schnell wieder zu. Nicht die biblischen Todsünden, sondern unsere Biologie ist schuld.

    Deshalb ist Fasten allein keine gute Maßnahme gegen Übergewicht: Menschen die mehrmals im Jahr für längere Zeit fasten nehmen durch den verringerten Grundumsatz vielleicht sogar langfristig zu, obwohl sie außerhalb der Fastenzeiten nicht mehr essen als früher. Isst man nach dem Fasten wieder kohlenhydratreich, dann führen hohe Insulinspiegel sofort in den „Mastmodus“, in dem der Körper Fettaufbau priorisiert. Der Körper versucht bei hohen Insulinspiegeln immer die Fettpolster zu erhalten, nur bei niedrigen Insulinspiegeln gibt er den Inhalt der Fettzellen bereitwillig her.

Once more with feeling numbers!

Die Reduktion des Grundumsatzes wird im genannten Artikel bei Hyperlipid diskutiert. Eine neue Studie betrachtet fettleibige Typ-2-Diabetiker, die definitiv insulinresistent sind. Zwei Gruppen mussten abspecken, eine (Interventions-)Gruppe hungert richtig, eine Vergleichsgruppe hungert nur etwas. Die Interventonsgruppe wurde für 12 Wochen auf eine stark unterkalorische Low-Fat-Diät mit ca. 800 Kalorien am Tag gesetzt (14% der Kalorien aus Fett, 26% aus Protein). Danach mussten sie für 3 weitere Monate weiter hungern (1000 Kalorien am Tag). Im letzten halben Jahr durften sie sogar soviel essen wie die Vergleichsgruppe, 600 kcal unter dem gemessenen Grundumsatz (also nur noch etwas hungern). Die Vergleichsgruppe erhielt 600 Kalorien weniger als ihr individueller, zu Studienbeginn gemessener Grundumsatz („leitliniengerechte Behandlung“), was angeblich zu 2-4kg Gewichtsverlust pro Monat führen sollte.

Zum Vergleich: in den 40er Jahren galt eine Diät mit 1600 Kalorien als geeignet für ein „Verhungern“-Experiment von Ancel Keys, das als „Minnesota Starvation Experiment“ bekannt ist. Nahezu alle Teilnehmer entwickelten schwere psychische Probleme und träumten den ganzen Tag von Essen. Viele besorgten sich heimlich zusätzliches Essen oder sprangen ab. (Heutzutage empfiehlt man genau diese Kalorienzahl routiniert übergewichtigen Menschen zum Abnehmen.)

In Bild kann man sehen , wie stark sich der Körper auf eine verringerte Energiezufuhr einstellt. Das Gewicht der Interventionsgruppe (rot) steigt im zweiten Halbjahr der Studie deutlich um 4,3kg an, obwohl die Menschen 600 kcal unter dem gemessenen Tagesverbrauch aßen. Ein Drittel des anfänglichen Gewichtsverlusts von 14,1kg im Hunger-Halbjahrwird wieder ausgeglichen. Der (unerwünschte) Verlust an Muskelmasse lag nach der Hungerphase bei 3,5kg, und nur 1kg davon wurde in dem zweiten Halbjahr wieder ausgeglichen. Die 4,3kg waren überwiegend erneuter Fettaufbau und nicht etwa Kompensation verlorener Muskelmasse.

Diese Studie war schlichtweg zu kurz, wobei die armen Teilnehmer dies sicherlich anders sehen würden. Was wäre passiert wenn die Probanden weitere 12 Monate mit einem 600kcal Energiedefizit gegessen hätten? So können wir nur feststellen dass die Probanden der Interventionsgruppe trotz Kalorienreduktion (erinnert euch: erwartet wurden minus 2-4kg im Monat) wieder schnell zunahmen. Die Gewichtszunahme scheint sich mit der Zeit zu verlangsamen, leider haben wir nur Datenpunkte nach 6, 9 und 12 Monaten. Aber die oben zitierte Biggest-Loser-Studie lässt vermuten dass der Grundumsatz dauerhaft verringert bleibt. Würde die Interventionsgruppe nach 2-3 Jahren wieder auf dem Ausgangsgewicht landen und dann weiter zunehmen?

Die Kontrollgruppe (blau) entsprach eher unseren FDH-Empfehlungen. Bei einer Reduktion der Energiezufuhr um 600 kcal (friss drei Viertel und nicht friss die Hälfte) reduzierten sie die Kalorien um rund 25%. Sie nahmen im Schnitt aber nur 4kg ab und nicht mindestens 24 Kilogramm wie erwartet. Aber auch hier gleicht die Reduktion des Grundumsatzes alles aus: Nach einem halben Jahr ein schlug die Waage bei minus 4,5kg aus, im zweiten Halbjahr nahmen sie schon wieder 0,5kg zu. Halten wir fest: 25% weniger Essen bei Fettleibigen führt zu gerade einmal 4kg weniger Fett in einem Jahr, und das Gewicht steigt langfristig wieder an. Und natürlich führt eine Rückkehr zu normalem Essverhalten (satt essen statt etwas hungern) zu schnellem Zunehmen.

Friss die Hälfte funktioniert nicht, der Preis für andauerndes Hungern ist Frust (und nicht heiß).

Evidenzbasierte Leitlinien?

Geradezu absurd erscheint das Fazit der Wissenschaftler, die ihre Hunger-Diät für eine hervorragende Behandlung halten. Sie stellen zwar fest dass die Teilnehmer trotz unterkalorischer Ernährung schnell wieder zunehmen, kommentiertieren dies aber nicht. Versteckt in den online verfügbaren zusätzlichen Dokumenten findet man übrigens die Nebenwirkungen der Studienteilnehmer: Erschöpfung, Kopfschmerzen, Zahnschmerzen, Depressionen, Verstopfung, Haarausfall, Krämpfe, Schwindel und noch viel mehr. Im Schnitt berichtete jeder Teilnehmer 6 verschiedene Nebenwirkungen, was die Wissenschaftler ebenfalls für nicht erwähnenswert hielten. Im Vergleich: Ketogene Ernährung führt bei Diabetikern zu größeren Gewichtsverlusten und nachhaltigerer Senkung der Glukosespiegel, ganz ohne Hungern, ohne Jojo-Effekt und ohne langfristige Nebenwirkungen. Ob das die Teilnehmer wussten?

Auf solchen Studien basieren unsere Richtlinien für Diabetiker? Dieser grobe Unfug soll eine evidenzbasierte Behandlung von Übergewicht und Diabetes sein, während ketogene Ernährung nur „gefährliche Pseudowissenschaft“ ist?

Die Ethik des veganen Lebens

Als ich heute zur Arbeit ging blinkte mich von der Ampel ein „Stop Meat“ (rot) und „Go vegan!“ (grün) an, was jemand über die Lichter geklebt hatte. Bento kolumnierte neulich „Schluss mit Höflichkeit: Ab sofort werde ich Fleischesser missionieren“, und in meiner Straße steht fast immer ein Auto mit der Aufschrift der Albert-Schweitzer-Stiftung „Wen streicheln, wen essen?“ mit Bildern von ganz liebreizenden Tieren und Werbung für eine „Vegan Taste Week“. Die Botschaft ist immer dieselbe und sehr eingängig: Veganer sind gut und gesund, Fleischesser unterstützen Massentierhaltung, sind böse und ungesund.

Ich kann nur den Kopf schütteln über eine Welt in der alles schwarz oder weiß sein muss. Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich? Das ist eine Logik, in der offen lügende Politiker zu Regierungschefs gewählt werden: Wir müssen nur emotional entscheiden, die Welt ist einfach, ein kurzer Blick genügt und wir wissen ob wir „dafür“ oder „dagegen“ sind. Mit Verlaub: Die Welt ist alles andere als einfach. Es gibt nicht nur radikale Islamisten und Kreuzritter, sondern nahezu alle Menschen befinden sich (glücklicherweise) ziemlich weit weg von diesen Extremen. Und Emotionen in allen Ehren, aber besser ist es sich zuerst nüchtern die Fakten anzusehen. Und die Fakten sind hier: Vegan ist eher ungesund, zumindest in der derzeit von der Ernährungspyramide empfohlenen Zusammensetzung. Und jetzt haben wir das Dilemma. Fleisch ist unethisch, aber was tun?

Ethik vs. Medizin

Mich erschreckt vor allem die Nonchalance mit der mit der ein ethischer Konflikt verwendet wird um alle medizinischen Überlegungen zu umgehen. Massentierhaltung ist schlecht, also ist Veganismus gut? Leider lässt sich ein ethisches Problem eben nicht einfach in ein gesundheitliches Problem transformieren. Das Problem, ob eine vegane Ernährung gesünder oder ungesünder ist als eine fleischhaltige Ernährung, ist fundamental unabhängig von ethischen Überlegungen. Ein sicherlich extremer Standpunkt: Am gesündesten für die Tiere und Pflanzen auf unserem Planeten wäre es zweifelsohne, wenn die Menschheit von heute auf morgen aussterben würde, oder sich meinetwegen auf ein benachbartes Planetensystem beamt. Aus Sicht der Umwelt wäre es also noch besser gar nichts zu essen als sich vegan zu ernähren, korrekt? Wenn man von derart „gründlichen“ Lösungen absieht, muss man zwei grundverschiedene Fragen stellen:

  1. Wie können wir uns so ernähren dass es umweltverträglich ist (Ethik und Ökologie)? Industrielle Landwirtschaft mit Pestiziden, chemischen Düngern und Abroden natürlicher Lebensräume ist auch nicht das Gelbe vom Ei, und man darf schon hinterfragen ob dies wirklich besser ist als der Verzehr von artgerecht gehaltenen Tieren, bei denen eine Kuh auf der Wiese aufwächst, Gras frisst und dann nach Schlachtung einen Menschen wochenlang ernährt.
  2. Welche Nahrungsmittel sind für den Menschen gesund? Hier muss ich die Veganer enttäuschen: Die Wissenschaft unterstützt die These „vegan=gesund“ leider nicht. Es gibt unzweifelhaft viele gesunde vegane Nahrungsmittel, aber das unkritische Ersetzen von Fleisch und tierischen Fetten durch pflanzliche Nahrungsmittel hat uns in die aktuelle Gesundheitsmisere gebracht, in der nahezu alle chronischen Krankheiten exponentiell wachsende Fallzahlen zeigen (wie in meinem Buch ausführlich diskutiert). Hier muss man zumindest etwas Augenmaß dabei beweisen, welche veganen Nahrungsmittel wirklich gesund sind. (Und die als Fleischalternative vermarkteten Veggie-Burger oder -Würste sind oft ein Musterbeispiel für einen ziemlich toxischen Mix aus Emulgatoren, Farb- und Aromastoffen.)

Weg von der industriellen Landwirtschaft

Halten wir zunächst fest: Massentierhaltung ist schlecht. Eine Zivilisation muss sich daran messen lassen wie sie mit den Schwachen umgeht, und eine Welt in der Küken geschreddert werden und jedes Jahr hunderte Hühner für den Hähnchenbrust- und Cordon-Bleu-Bedarf eines einzelnen Menschen sterben müssen wirft ein sehr dunkles Licht auf unsere Gesellschaft. Massentierhaltung ist allerdings nicht nur aus ethischen Überlegungen schlecht, sondern auch aus knallhart gesundheitlichen Gründen: Eine nicht artgerechte Haltung und Fütterung mit Soja und Mais sorgt für eine mindere Qualität des Fleischs. So sinkt z.B. nach Studien der Omega-3-Gehalt von Fleisch massiv wenn die Tiere in Massentierhaltung aufgezogen werden. Und auch die in Soja und Mais enthaltenen Antinährstoffe (Lektine und Isoflavone) finden sich im Fleisch der damit gefütterten Tiere, nicht umsonst schmeckt ein Maishähnchen nach Mais. Von prophylaktisch angewendeten Antibiotika ganz zu schweigen, zusammen mit den Pestiziden und Düngemitteln aus dem Futtergetreide findet sich in Industriefleisch ein Gemisch aus toxischen Chemikalien, die uns schleichend vergiften.

Die traurige Wahrheit ist, dass die Evolution uns fast zu Fleischessern gemacht hat, wir bezogen früher rund zwei Drittel unserer Kalorien aus Fleisch. Wir können über die Konzentration bestimmter Isotope in den Knochen feststellen wie viel Fleisch und Fisch ein Tier konsumierte, und sogar ob andere Fleischfresser regelmäßig auf dem Speiseplan standen. Und der Mensch zu Zeiten der Jäger und Sammler war ganz unzweifelhaft einer der dominanten Fleischfresser, die regelmäßig andere Fleischfresser verspeisten. Paläopathologische Untersuchungen belegen zudem, dass Kulturen die sich überwiegend vegan ernährten (wie z.B. die Egypter zu Zeiten der Pharaonen) immer kurze Lebenserwartungen und extrem hohe Raten an Diabetes und Artherosklerose aufwiesen, wie z.B. Michael Eades ausführt. Und wie das mit der Evolution so ist: Wenn Tiere ihre Nahrungsversorgung grundlegend umstellen, dann führte das früher zu einer erheblichen Ausdünnung der Art. Nur die Tiere die gut an die neuen Nahrungsmittel angepasst waren überlebten, ein Großteil der Art starb, wenn nicht sogar die ganze Art. (Frag die Dinosauriern, die sich auch nicht einfach von anderen Pflanzen ernähren konnten als die Temperatur sank und die bisher als Nahrung dienenden Pflanzen verschwanden.) Beim Menschen ist das heutzutage anders: Die moderne Medizin hält uns am Leben. Wir sterben nicht, sondern werden in immer jüngeren Jahren krank und gleichen die nicht angepasste Nahrung mit einem enormen Aufwand an Chemie aus, so lange bis unser Gesundheitswesen unter der Last der jungen Patienten zusammenbricht. Wer sich die makroskopischen Trends anschaut erkennt ganz klar dass die derzeitige Diabetes- und Autoimmunepidemie vor ca. 50 Jahren begann, als wir tierische Fette, Fleisch und Eier zunehmend durch pflanzliche Fette und Vollkornbrot ersetzten. Nur ein Zufall?

Dazu kommt ein weiteres massives Problem der industriellen Landwirtschaft: Wir benötigen Vitamine und Spurenelemente, die in unserer Nahrung erhalten sind. Eine „natürliche“ Lebensweise führt diese Vitamine und Spurenelemente im Kreislauf bleiben: Die Stoffe werden von den Pflanzenfressern wieder ausgeschieden und dienen als Dünger für Pflanzen. Beí industrieller Landwirtschaft wandern diese Mikronährstoffe über den Menschen in die Kläranlagen und dann in die Flüsse bzw. Weltmeere, aber sie kommen nicht zurück auf die Felder. Das Problem potenziert sich wenn Getreide/Soja als Futter für Masttiere verwendet wird, da so die Böden noch schneller ihre Mikronährstoffe verlieren. Schon heute hat Gemüse und Obst weniger als halb soviele Mikronährstoffe wie noch vor 60 Jahren — verwundert es dass wir mit zunehmendem Alter krank werden, wenn unser Körper die Mikronährstoffe nicht mehr so effizient extrahiert wie bei jungen Menschen? Hier ist tatsächlich eine (artgerechte) Tierhaltung von enormen Vorteil, da die Mikronährstoffe in Fleisch meist besser bioverfügbar sind als in Pflanzen, und wir somit geringere Mengen brauchen um unseren Bedarf zu decken.

Ist vegetarische Ernährung gesund?

Ich bin kein Verfechter einer Carnivor-Diät, und die Tatsache dass wir Allesfresser sind lässt vermuten dass wir uns gesund mit einem vergleichsweise hohen Anteil an veganer oder vegetarischer Nahrung ernähren können. Allerdings muss ich auch darauf hinweisen dass es keine einzige Langfrist-Studie zur Gesundheit veganer oder vegetarischer Ernährungen gibt. Zu Zeiten von Ancel Keys, dem Vater der fettarmen Ernährung, machte man sich schlichtweg keine Gedanken darüber ob eine pflanzliche, kohlenhydratreiche Ernährung ungesund sein könne — man glaubte nur dass Fett ungesund ist, also mussten im Umkehrschluss Kohlenhydrate gesund sein. Dies sollte später durch Studien belegt werden, schlug aber immer und immer wieder grandios fehl, wie z.B. die im letzten Blog erwähnte MRFIT-Studie zeigt: Die Sterblichkeit steigt wenn tierische Fette und Fleisch durch pflanzliche Fette und Kohlenhydrate ersetzt werden. Es bleibt also nur die Frage ob dies allgemeingültig ist, oder durch die spezielle Zusammensetzung der empfohlenen Ernährung zustande kommt. Wird vegan bzw. vegetarisch gesund wenn wir auf Omega-6 und Kohlenhydratexzesse verzichten? Die Antwort auf diese Frage steht noch aus.

Allerdings fällt es mir schwer zu glauben dass eine rein vegane Ernährung langfristig gesund sein soll. Immerhin benötigen wir eine gewisse Menge an Aminosäuren, die in Pflanzen in der falschen Mischung enthalten sind (die Gesamtmenge an Protein ist problemlos erreichbar, aber einige der vielen notwendigen Aminosäuren sind nur in geringen Mengen enthalten), und wir benötigen fettlösliche Vitamine die kaum in pflanzlicher Nahrung enthalten sind (Omega-3-Fettsäuren und Vitamin D). Zudem ist vegane Ernährung meist sehr kohlenhydratreich. Dies manifestiert sich nur langsam, bis es zu echten Mangelerscheinungen kommt werden einige Jahre oder Jahrzehnte vergehen. Und ich glaube gerne dass eine vegane Ernährungsumstellung kurzfristig sogar zu einem verbesserten Wohlbefinden führt, und genau das ist das Problem: Wenn sich nach vielen Jahren die Folgen in Form von Autoimmunkrankheiten oder Diabetes zeigen, dann führt man das nicht auf die vegane Ernährung zurück die uns damals so gut tat.

Wie kann man sich dann noch ernähren wenn man kein Ethikschwein sein will? Eine gesunde vegetarische Ernährung ist problemlos machbar. Der Speiseplan enthält dabei genügend tierisches Protein aus Eiern und Milchprodukten aus nachhaltiger Landwirtschaft um den Tagesbedarf an Eiweiß zu decken, sowie eine Kombination von verschiedenen Fetten, in denen Milchfett aus Weidemilch (Butter/Schmalz) und Olivenöl einen Großteil der Kalorien liefern. Bei den pflanzlichen Nahrungsmitteln muss der Fokus auf den Produkten liegen die — individuelle Unverträglichkeiten berücksichtigend — arm an Antinährstoffen wie Lektinen, Oxalaten, FODMAPs und Isoflavonen sind, zudem müssen wir die Menge der Omega-6-Fettsäuren reduzieren. Getreide, Nudeln und Brot sind reich an Lektinen und Omega-6-Fettsäuren und dürfen nicht in großen Mengen konsumiert werden. Und wir dürfen auf die Forschung hoffen: Möglicherweise sind einige Algenarten DAS gesunde und ethisch verträgliche Lebensmittel der Zukunft, immerhin sind Algen evolutionär weder Tier noch Pflanze.

Den militanten Veganern möchte ich die Worte von H.L. Mencken in Erinnerung rufen: „There is always an easy solution to every human problem: Neat, plausible, and wrong.“ („Es gibt immer eine einfache Lösung für jedes Problem der Menschheit: Elegant, plausibel und falsch.“) Das Problem der Massentierhaltung müssen wir lösen, aber sich vegan zu ernähren ist leider die falsche, einfache Antwort.

Archimedes und die bösen Fette

Wenn man mit (äußerlich) gesunden Menschen über Ernährung spricht, erntet man meistens eins: Desinteresse. Wir glauben genau zu wissen wie gesunde Ernährung aussieht: Wenig Fleisch, wenig Fett, Vollkorn, wenig Zucker und etwas Konfusion über Cholesterin (ob Eier nun erlaubt sind oder nicht kann man stets wechselnd der Tagespresse entnehmen). Diabetes können wir doch vermeiden indem wir mehr Sport machen, das bekommen nur Faule. Oder?

Fettleibigkeit in den USA. Quelle: CDC

Die Realität sieht anders aus. Studien belegen dass 9 von 10 Erwachsenen metabolisch krank sind, d.h. sie haben chronisch zu hohe Insulinspiegel und/oder eine gestörte Glukoseregulierung. Dies wird dazu führen dass sie nahezu sicher Diabetes, Demenz, Bluthochdruck, Fettleibigkeit oder Artherosklerose entwickeln werden, die Frage ist nur welche dieser Krankheiten und wann: Schaffen wir es bis zum Rentenalter, oder fallen wir schon vorher aus? Eine zynische, aber gerechtfertigte Empfehlung für die Berufswahl ist es ein Chirurg zu werden. Die Anzahl der Diabetiker hat sich seit 1960 auf über 6 Millionen verzehnfacht und kosten unser Gesundheitssystem jedes Jahr rund 35 Milliarden Euro, in den nächsten Jahren und Jahrzehnten wird es viele Beine zu amputieren geben. 3 von 4 Menschen über 65 sind Diabetiker oder Prädiabetiker, jeder zweite Mensch über 80 ist dement, die Fallzahlen steigen teils exponentiell an. Artherosklerose, die wir seit 70 Jahren intensiv bekämpfen, stagniert. Nahezu alle modernen Ernährungsempfehlungen sind darauf konzipiert Artherosklerose zu vermeiden, mit zweifelhaftem Erfolg: Die Fallzahlen sinken nicht, lediglich die Überlebenschancen sind heutzutage dank moderner Chirurgie und schnellerer Versorgung erheblich besser.

Häufigkeit von Diabetes in Deutschland (Quelle)

Wissen(schaft) macht gesund

Und dennoch hinterfragen wir unsere Ernährungsempfehlungen nicht. Die Lethargie lässt sich vielleicht durch eine Beobachtung erklären: Ernährungsempfehlungen sind für uns abstrakt und nicht nachvollziehbar. Niemand kann selbst nachvollziehen weshalb weniger Fett gut oder schlecht sein soll. Gute Wissenschaft ist zum Anfassen: Jedes Kind kann das archimedische Prinzip in der Badewanne nachvollziehen, jeder Schüler kann die newtonschen Gesetze mit ein paar Billiardkugeln überprüfen, aber niemand kann verifizieren weshalb eine fettarme Kost den Cholesterinspiegel senken soll oder warum dies überhaupt gesund sein soll. Dabei ist Ernährungswissenschaft nicht schwierig: Die Wirkung verschiedener Hormone wie Insulin und Leptin ist inzwischen bestens erforscht. Wir wissen ganz genau wann eine Zelle Fett speichert oder freigibt, wann wir Fette oder Kohlenhydrate verbrennen, was die Blutfette beeinflusst und und was die verschiedenen Cholesterintypen machen.

Das Kohlenhydrat-Insulin-Modell erklärt ohne jede Widersprüche weshalb wir heutzutage krank und (meist) dick werden, und weshalb Autoimmunkrankheiten und Demenz auf dem Vormarsch sind. Noch besser: Es sagt uns wie wir diese Krankheiten vermeiden können. Nur hat es diese Forschung bisher nicht in die Ernährungsempfehlungen geschafft. Die Empfehlung der fettarmen Ernährung basiert auf dem Wissensstand von 1950, als wir weit weg vom heutigen Kenntnisstand über Hormone und Cholesterin waren– und die damaligen Annahmen über die Entstehung von Zivilisationskrankheiten sind lange überholt. In der Tat, wer sich nur etwas mit diesen Erkenntnissen beschäftigt dem geht es wie mit dem Schaubild auf dem man wahlweise eine Vase oder zwei Gesichter erkennt: Hat man einmal die Gesichter gesehen dann wird man nicht mehr verstehen weshalb man jemals glauben konnte dass es sich um eine Vase handelt. Genauso erscheint es mir heute ungeheuerlich, dass uns massiv Ernährungsempfehlungen gepredigt werden die direkt in die Diabetes führen.

Dies mag wie eine Verschwörungstheorie klingen. Aber welche andere Erklärung kann man für die exponentiell steigende Häufigkeit von Zivilisationskrankheiten finden? Es gibt unzweifelhaft viele Menschen die alle Empfehlungen ignorieren und sich mit Alkohol, Pommes und Schokoriegeln vollstopfen. Aber halten wir uns an Diabetes fest: Der Anteil der ungesund lebenden Menschen ist weit weg von 75%, folglich bekommen viele (vermeintlich) gesund lebende Menschen Diabetes oder Prädiabetes. Das Missachten der Ernährungspyramide ist es nicht, Statistiken zeigen dass die Ernährungsempfehlungen nicht ohne Wirkung bleiben: Im Vergleich zu 1970 essen wir mehr Kohlenhydrate, weniger Fleisch und vor allem sehr viel weniger tierisches Fett, und trotzdem steigen die Krankheitszahlen schnell an. Woran kann das liegen? Ein naheliegender Verdacht fällt auf Umweltgifte, immerhin sind wir heute umgeben von Plastik, Pestiziden und Feinstaub. All dies trägt unstrittig seinen Teil zu unseren Krankheiten bei, aber nicht im gleichen Maße wie die Ernährung. Dies lässt sich ohne Medizinstudium nachvollziehen:

  1. Einerseits gibt es Zivilisationen wie die Insel Tokelau, die bis ca. 1960 frei von allen Zivilisationskrankheiten war. Es gab einen modernen Arzt (deshalb sind die Erkenntnisse zuverlässig), aber keinen einzigen Tod durch Artherosklerose, keine Diabetes und praktisch kein Übergewicht. Die Einwohner aßen vor allem Fisch, Kokosnüsse und eine Brotfrucht. Rund 75% der Kalorien kamen von gesättigtem Fett. Dann begann der Handel, in den nächsten 20 Jahren stiegen die Importe von Mehl, Zucker, Snacks und Softdrinks deutlich an. Bereits Anfang der 80er Jahre lagen die Diabetesraten bei rund 8%, vergleichbar mit unseren Zahlen in Deutschland. Zudem kam es zu Bluthochdruck, Artheroklerose und Gicht — auf einer idyllischen Insel, fernab von jeder Industrie. Und Tokelau ist nur eine von vielen anderen (wenngleich schlechter untersuchten) Bevölkerungsgruppen, die alle das gleiche Pattern zeigen: Die Einführung kohlenhydratreicher Ernährung führt innerhalb von wenigen Jahrzehnten zu allen Zivilisationskrankheiten.
  2. Andererseits wirken Interventionen, wenn man sich von der Ernährungspyramide abkehrt und Krankheiten korrekt behandelt. Die Virta-Klinik in den USA behandelt jedes Jahr tausende Diabetiker mit ketogener Ernährung, in der keine Kohlenhydrate und viele gesättigte Fettsäuren konsumiert werden. Die Remissionsrate (Langzeit-Blutzucker HbA1C sinkt unter 6,5% ohne Einsatz von Diabetes-Medikamenten) liegt bei 50% bis 60%, 94% der Patienten reduzieren oder eliminieren ihre Medikamente innerhalb eines Jahres. Behandelt man Diabetes gemäß der üblichen Leitlinien mit fettarmer Ernährung, liegt die Remissionsrate bei gerade einmal 1,4%. Und Erfolg bei der Intervention ist der Goldstandard in der Wissenschaft: Beobachtende Studien und biochemische Theorien sind schön und gut, aber erst wenn eine Behandlung spektakulär erfolgreich ist dann wissen wir dass die Theorie stimmt.

Mit Vollgas in die Diabetes

All dies lässt nur einen Schluss zu: Die Ernährungspyramide gehört auf den Müllhaufen der Geschichte. Dies hätte man bereits 1982 sehen können, als eine der aufwendigsten Ernährungsstudien aller Zeiten zu Ende ging, die MRFIT-Studie (Multiple Risk Factor Intervention Trial). Über 12000 Risikopatienten (die bereits klinische Fälle von Artherosklerose hatten oder zu Risikogruppen wir Rauchern gehörten) wurden für 6 Jahre betreut, die Interventionsgruppe stellte die Ernährung gemäß der Ernährungspyramide um: Pflanzliche Fette statt Butter, Vollkornbrot statt Schweinefleisch. Zudem erhielten sie intensive Beratung (mehr Sport, gesundes Essen), beispielsweise hörten in der Interventionsgruppe rund dreimal so viele Männer (und nur diese wurden betrachtet, wie damals leider üblich) mit dem Rauchen auf. Die Studie sollte die Lipidhypothese beweisen, dass Artherosklerose durch eine Reduktion von gesättigten Fetten und Fetten allgemein vermieden werden kann. Insgesamt wurden 150 Millionen Dollar verpulvert, das Ergebnis war ein grandioser Fehlschlag: Zwar sank die Häufikeit von Todesfällen durch Atherosklerose um 7% (angesichts der aufwendigen Intervention nicht sehr beeindruckend), allerdings stieg die Gesamtsterblichkeit um 7%. Das bedeutet, für jeden Menschen der nicht an Atherosklerose starb, starben 2 Menschen an Krebs, Diabetes oder anderen Krankheiten. Diese Zahlen sollten zu denken, geben, denn mehr Sport und weniger Rauchen ist unzweifelhaft gesund, und trotzdem starben die Menschen häufiger. Nur eine einzige Veränderung hatte eine ungewisse Auswirkung: Die Fettreduktion bzw. der Wechsel zu Kohlenhydraten und Pflanzenfetten waren für die höhere Sterblichkeit verantwortlich. Zu diesem Zeitpunkt hätte man sich zwingend von der Ernährungspyramide verabschieden müssen. Dummerweise war die fettarme Ernährung zum Politikum und sogar zum Wahlkampfthema geworden, zahlreiche Funktionäre hatten ihre Karriere mit der Einführung einer fettarmen Ernährung verbunden. Also wurde die MRFIT-Studie totgeschwiegen bzw. es wurde selektiv die erhöhte Sterblichkeit verschwiegen und nur die leicht verringerte Atherosklerosefälle als Erfolg herausgestrichen.

Weshalb werden unsere Ernährungsempfehlungen immer noch aufrechterhalten? Warum pfeifen nicht die Spatzen von den Bäumen dass wir nur unsere Ernährung umstellen müssen um gesund zu bleiben oder wieder gesund zu werden? Den englischsprachigen Lesern empfehle ich ein Video von Dr. Jason Fung über die Verstrickung finanzieller Interessen in der Medizin und Ernährungswissenschaft. Nahezu alle Ernährungs-Studien werden direkt oder indirekt über das Sponsoring von Forschungsinstituten von der Ernährungsindustrie gesponsort, und kommen deshalb nicht zum einzig richtigen Schluss: Wir müssen wieder weg von abgepackten, lange haltbaren Lebensmitteln. Eine gesunde Ernährung besteht nahezu ausschließlich aus den Lebensmitteln die wir in den Außenregalen der Supermärkte finden, Dinge die schnell verderben können wie Salat, Gemüse, Milch- und Fleischprodukte. Diese Botschaft ist natürlich bei den Studien-Geldgebern nicht sehr populär.

Vegetarische Glaubenskrieger

Die Öffentlichkeit wird derweil weiter im Glauben belassen dass die Ernährungsempfehlungen wissenschaftlich fundiert sind. Die Gesundheit vegetarischer Ernährung nach der Ernährungspyramide wird medienwirksam von Ärzten wie Dr. Katz propagiert. (Katz verdient übrigens sein Geld mit zahlreichen Firmen, die allesamt vegetarische Ernährung vermarkten. In Vergangenheit erhielt er einen Eintrag auf quackwatch, weil er argumentierte dass wir in der Ernährungswissenschaft keine randomisierten Studien brauchen.) Katz verwendet zwei Typen von Studien:

  • Einerseits werden ideale Veggie-Ernährungen mit der realen westlichen Ernährung verglichen, und da gewinnen sie natürlich (Salat und Vollkornbrot schlagen Pommes und Schokoriegel).
  • Andererseits werden pflanzliche Lebensmittel als gesund angepriesen weil sie den Cholesterinspiegel senken.

Das Problem daran: Wir wissen seit Jahrzehnten dass eine ernährungsbedingte oder medikamentöse Senkung des Cholesterinspiegels sich nicht positiv auf die Langlebigkeit auswirkt (wie nicht nur die oben genannte MRFIT-Studie zeigt). Das Gemengelage ist allerdings sehr unübersichtlich, und die Front verläuft nicht zwischen Fleischessern und Vegetariern. Es ist natürlich möglich sich gesund vegetarisch zu ernähren, genau wie eine fleischlastige Ernährung sehr ungesund sein kann. Das Problem ist nur, dass die empfohlenen Ersetzungen nicht funktionieren: Nach der Ernährungspyramide sollen wir Omega-6-reiche Pflanzenöle statt tierischem Fett und Kohlenhydrate statt Fett allgemein verwenden, und dies ist der Weg zur dunklen Seite (Diabetes und Fettleibigkeit). Eine gesunde vegetarische Ernährung vermeidet raffinierte Kohlenhydrate (Zucker und Mehlprodukte) und getreidebasierte Öle, und setzt verstärkt auf Gemüse, Salat, Olivenöl und Kokosöl.

Ärzte wie Dr. Katz, der erst kürzlich im Spiegel ausführlich die Gesundheit vegetarischer und veganer Ernährung pries, kämpfen im übrigen mit harten Bandagen. Erst neulich sollte ein hochqualitativer, peer-reviewter Artikel erscheinen, der sich intensiv mit der Methodik der Studien zur Schädlichkeit von rotem Fleisch beschäftigt. (Es geht also darum, die „schlechten“ Studien von den „guten“ Studien zu trennen.) Er kommt zum Schluss, dass viele der Studien zweifelhaft sind und die Ergebnisse verworfen werden sollten, und es keine Grundlage gibt um generell vom Konsum von rotem Fleisch abzuraten. Dies führte zu einer heftigen Reaktion, die in einem sehr lesenswerten Artikel im renommierten JAMA-Journal aufgearbeitet wird: Die durch Katz geführte True Health Initiative versuchte die Veröffentlichung dieses Artikels verhindern, mit Mitteln die tief unter der Gürtellinie treffen und sogar die Grenze der Legalität verletzen (wie z.B. die Blockierung von Maiboxen durch automatisierte Massenmails). Als dies nicht gelang starteten sie eine Diffamierungskampagne zur Diskreditierung der Autoren diskreditieren. Unter anderem argumentierten sie, dass die Autoren von der Fleischindustrie gekauft wären. Dies mag jeder selbst beurteilen: Einer der Autoren hatte tatsächlich eine einzige Studie von der Fleischindustrie finanzieren lassen, dies erfolgte aber mehr als 3 Jahre vor der genannten Studie. Zudem finanziert die Fleischindustrie ca. 1,5% des Budgets von AgriLife (wodurch angeblich ein Interessenkonflikt zustande kommen soll), aber rund die Hälfte des Budgets kommt von Institutionen wie dem U.S. Department of Agriculture (Landwirtschaftsministerium). Außerdem: Wer im Glashaus sitzt… Katz verdient nicht nur viel Geld durch seine veggie-affinen Firmen, sondern liess sich auch noch zahlreiche teure Studien durch die Agrarindustrie bezahlen.

Bringt Wissenschaft in die Ernährungswissenschaft!

Uns bleibt nur Fassungslosigkeit, wenn wir sehen wie die Wahrheit durch populistische Grabenkämpfe unter die Räder kommt. Und dies ist kein Einzelfall, Bücher wie „The big fat surprise“ von Nina Teichholz oder „Good Calories, Bad Calories“ von Gary Taubes erzählen unzählige vergleichbare Geschichten: Die Wahrheit verliert immer, wenn persönliche Egos von Funktionären oder sogar finanzielle Interessen der „global player“ angegriffen werden. Anstelle einer sachlichen Debatte erhalten wir Diffamierung, Propaganda und Religion (anders kann der wissenschaftlich völlig unfundierte Glaube an die Gesundheit fettarmer und/oder veganer Ernährung nicht bezeichnet werden), anstelle schädlicher Inhaltsstoffe in unserer Nahrung sollen die Todsünden Völlerei und Trägheit an unseren Krankheiten schuld sein.

Es wird sich nichts ändern, bis wir endlich Wissenschaft in die Ernährungswissenschaft bringen. Die grundlegenden Pinzipien der Ernährungswissenschaft sind nicht komplizierter als das archimedische Prinzip und gehören genauso wie Chemie oder Mathematik in den Lehrplan der Schulen. Wenn die wichtigsten biochemischen Prinzipien in das Allgemeinwissen eingehen, dann werden wir bald kollektiv erkennen dass die Mär von den bösen Fetten genausowenig stimmt wie die Theorie dass die Erde flach ist und die Sonne um die Erde kreist. Dies wird aber noch lange dauern, bis dahin bleibt nur die individuelle Vorsorge. Wer die Augen öffnet und sich von Dogmen löst kann Zivilisationskrankheiten vermeiden, und es ist nicht einmal schwer.

OMAD vs. 3MAD, oder ist Intervallfasten nur Schmu?

Gestern stolperte ich über das Youtube-Video von Thomas DeLauer, in dem er ausführlich erklärt dass OMAD (one meal a day, eine Mahlzeit am Tag) schlechter wäre als 2MAD (2 Mahlzeiten am Tag). 6000 „Likes“ gegen 150 „Dislikes“ versprachen Erkenntnisgewinn für ein kontroverses Thema, der „Play“-Button war schnell geklickt. Was steckt drin?

Hauptargument ist eine Studie in der 3 Mahlzeiten am Tag (3MAD) mit einer Mahlzeit am Tag verglichen wird. Die Probanden waren gesunde, nicht übergewichtige Männer mit einem durchschnittlichen HOMA-IR von 1.2, d.h. weit weg vom metabolischen Syndrom. Nach 8 Wochen war die Glukosetoleranz bei den OMAD-Probanden erheblich schlechter als bei den 3MAD-Probanden, die Glukose wurde bei einem oralen Glukosetoleranztest langsamer abgebaut als bei der Vergleichsgruppe und die Insulinspitze bildete sich etwas später aus. Huch? Unabhänhgig von der Art der Diät hat sich Intervallfasten als effektive Maßnahme zur Gewichtskontrolle bzw. -Reduktion erwiesen, so dass ein Auslassen von Mahlzeiten keine negative Auswirkungen auf die Glukosekontrolle haben sollte. Was geht schief?

Studien kontra gesunder Menschenverstand

Überspitzt könnte man diese Studie als Musterbeispiel für unsere Ernährungsmisere bezeichnen. Für wissenschaftliches Arbeiten ist es zwingend notwendig dass eine neue Theorie gegen bestehende Theorien validiert wird. Das vorliegende Studienergebnis widerspricht unserem gesunden Menschenverstand, bei allen Wirrungen in der Ernährungswissenschaft ist die Tatsache vergleichsweise unstrittig dass Intervallfasten für viele Menschen zu merklichen Gesundheitsverbesserungen führt. Das macht das Ergebnis nicht falsch, aber erfordert von den Autoren eine deutlich höhere Sorgfaltspflicht: Das Ergebnis muss durch das verwendete Stoffwechselmodell validiert und der Widerspruch zu den makroskopischen Beobachten diskutiert werden. (Schöne Grüße an Richard Feinman.) Natürlich findet sich weder das eine noch das andere in der Studie. Dabei ist die Erklärung dieses scheinbaren Widerspruchs kein Hexenwerk und wird jetzt hier nachgeholt (schöne Grüße an die Autoren).

Exkurs: Das metabolische Syndrom (und somit eine schlechte Glukosetoleranz) wird dadurch ausgelöst dass wir unseren Stoffwechsel überlasten. Wir konsumieren mehr Kohlenhydrate als unsere Vorfahren, diese werden schneller im Darm aufgenommen (raffinierte Kohlenhydrate wie Zucker und Weißmehl gehen nahezu sofort ins Blut während Kohlenhydrate aus Früchten und stärkehaltigem Gemüse durch die Ballaststoffe über einige Stunden verdaut werden) und wir sorgen zudem für eine Doppelbelastung aus Fett und Kohlenhydraten, die weder unsere Leber noch unsere Mitochondrien effektiv verwerten können. (In freier Natur gibt praktisch nie eine Kombination von Fett und Kohlenhydraten, alle Nahrungsmittel sind entweder fettreich und kohlenhydratarm wie z.B. Fleisch/Eier oder fettarm und kohlenhydratreich wie Früchte oder Kartoffeln). Abstrahieren wir mal von den anderen Faktoren wie chemischen Lebensmittelzusätzen, stark verarbeiteten Lebensmitteln und Umweltfaktoren: Je größer und schneller die Belastung durch Glukose, desto schneller werden wir insulinresistent. (Eine Lawine ist schlechter als 3 Monate Schneefall.)

In der zitierten Studie wurde eine typische amerikanische Ernährung verwendet, die hoch in raffinierten Kohlenhydraten ist. Die Probanden sollten so viel essen dass sie ihr Gewicht halten, die Zusammensetzung der Nahrung war aber vorgegeben. Somit essen alle Probanden dieselbe Menge an Kohlenhydraten, entweder auf drei Mahlzeiten am Tag verteilt oder alles in einem Rutsch. Hier konsumieren wir bei OMAD eine viel größere Kohlenhydratmenge in kurzer Zeit als bei 3MAD, Leber und Bauchspeicheldrüse werden dreimal so sehr gestresst und es kommt zu Überlast und Insulinresistenz. Die darauf folgende Fastenzeit (nach Studiendesign mindestens 20 Stunden) kann dies nicht kompensieren, zumal die Glykogenspeicher gefüllt bleiben und wir niemals auf Ketonverbrennung umschalten. Musste man dafür wirklich eine Studie machen?

Intervallfasten

Warum funktioniert Intervallfasten dann, ganz klassisch mit 1-2 Mahlzeiten am Tag? Dazu muss man sich klarmachen dass Intervallfasten langfristig nur gut geht wenn wir insulinsensitiv sind oder kohlenhydratarm essen. In einer 16-Stunden-Essenspause muss der Körper von Kohlenhydratverbrennung auf Ketonverwertung umschalten, dies machen metabolisch gesunde Menschen ganz automatisch. Wenn jemand dagegen insulinresistent ist dann blockieren hohe Insulinspiegel die Fettverbrennung, wir laufen schon vor Ablauf von 16 Stunden in eine Hypoglykämie (Unterzuckerung) und ein Energiedefizit und müssen essen. Einzig und allein eine kohlenhydratarme Ernährung, in der wir sowieso meist in Ketose sind, vermeidet den Crash und sorgt dafür dass wir 16 Stunden und länger durchhalten.

Und jetzt kommen wir zum Knackpunkt der Studie: Sie ist schlichtweg nicht praxisrelevant, denn die Menge der konsumierten Kohlenhydrate (und Gesamtkalorien) bleibt beim Intervallfasten nicht gleich. Niemand stopft sich am Abend 3 Teller Nudeln in den Bauch anstelle zum Frühstück, Mittagessen oder Abendessen je einen Teller zu essen (oder eine vergleichbare Menge an Kohlenhydraten als Müsli oder Brot). Insulinsensitive Menschen könnten dies sicherlich tun, werden aber tendenziell sowieso nicht zu viele Kohlenhydrate essen (sonst währen sie nicht insulinsensitiv). Insulinresistente Menschen dagegen schaffen Intervallfasten nur mit einer Kohlenhydratreduktion, was automatisch zu den üblichen gesundheitlichen Verbesserungen führt.

Bei einer kohlenhydratarmen Ernährung haben wir eine völlig andere Situation. Bei OMAD bleibt die Gesamtbelastung von Leber und Bauchspeicheldrüse geringer: Die Umwandlung von Fett in „Treibstoff“ in der Leber ist weniger belastend als die Umwandlung von Kohlenhydraten zu Triglyzeriden, und die Bauchspeicheldrüse muss bei Fettkonsum sowieso nicht viel tun. Zudem entfällt die so kritische Doppelbelastung von Fett und Glukose.

Bleibt am Ende nur die Frage, warum DeLauer hier unkritisch eine Studie verwendet die unserem gesunden Menschenverstand widerspricht? Hat dies damit zu tun, dass die Menschen bei OMAD weniger von der von ihm vertriebenen Knochenbrühe (die im Video massiv als ideale Zwischenmalzeit beworben wird) konsumieren? Oder ist einfach ein kontroverse Thema ein guter Klickfang, der ein paar Cents durch das Youtube-Marketing verspricht? Mir ist es egal, am Ende bleibt ein „Dislike“ und ich weiß dass ich auf DeLauers Videos in Zukunft verzichten werde.